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Nigeria Connection
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I: Nachricht von einer Entführung


Your Excellency, Ladies & Gentlemen, thank you and the Israel Diamond Institute for this opportunity to speak to you on a subject of great importance to the diamond industry and, indeed, to the whole of the international jewellery industry. It resonates far beyond our usual commercial concerns and is central to the future prosperity of our business. I realise that this is an issue that sometimes seems remote from the day to day running of individual firms and which, despite all the hype, has not had any real negative impact on the consumer or on the sales of diamond jewellery. Individual members of the industry may well feel that this is nothing to do with them - they buy their diamonds from reputable sources and cannot be expected to know from where they originated in the rough. Or they may feel that the industry should never have become involved in this debate in the first place - conflict diamonds account for less than 2% of world rough diamond production, have nothing to do with the legitimate mainstream, are an unfortunate but largely African problem and nothing to do with them...”


Frederick Jason Barringer streckte seine Hand nach der Fernbedienung aus und verringerte die Lautstärke des Fernsehapparates. Sein Gast Alexander Smith dankte es ihm innerlich, er kannte die Rede von Rory More O´Farrell über den Umgang mit Blutdiamanten beim Konzern De Beers zur Genüge.

„Wollen sie noch etwas Eis für ihren Whiskey, Mister Smith?“

„Nein danke, ich habe genug. Wir sollten jetzt vielleicht zu unserem Problem kommen?“

„Ihr Problem, Mister Smith, ihr Problem. Sie kommen zu mir um mir Ihr Problem zu unterbreiten. Ich weiß noch nicht, ob ich es für wirklich relevant erachten soll.“

Alexander Smith schluckte seine Verärgerung hinunter. Er war mal wieder der ungezogene Schuljunge und der Alte der überlegene Lehrmeister. Warum ließ er sich immer wieder darauf ein? Sollte der alte Sack doch zusehen wo er ohne seinen Alexander Smith blieb. Aber es war mal wieder Buckeln angesagt, später würde sich sicherlich irgendein Untergebener finden, an dem man den aufgestauten Frust ablassen konnte.

„Natürlich Sir Barringer, mein Problem, aber ich bin der Meinung, dass es sich um ein Problem handelt, dass die ganze Firma angehen könnte. Wie Sie wissen, hat die Marketingabteilung seit einem Jahr eine Kampagne laufen, die dafür sorgen soll, das das Image unserer Diamanten sauber bleibt. Als De Beers mit diesem Unsinn von den ‚sauberen Diamanten’ anfing mussten wir natürlich nachziehen. Wir haben viel Geld ausgegeben um unserer Firma einen neuen Anstrich zu geben. Wir mussten deshalb hohe Verluste in Kauf nehmen, vor allem in Anbetracht der Situation in Angola. Zu dem Zeitpunkt an dem wir öffentlich erklärt haben, auf keinen Fall Diamanten aus der Bürgerkriegsregion mehr auf den Markt zu bringen, sind wir eine hohe Verantwortung eingegangen. Die Augen der Öffentlichkeit sehen auf uns und erwarten, dass wir unsere Versprechen einhalten und jetzt…“

„Und was jetzt?! Kommen Sie mir wieder mit diesem Renard? Ich hab ihnen doch schon gesagt, wie sie das Problem aus der Welt schaffen sollen.“

„Ja, aber da gibt es ein Problem. Renard ist nicht bestechlich.“

„Nicht bestechlich? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen. Jeder ist bestechlich, wie viel haben Sie ihm geboten?“

„1 Million Rand (ca. 120.000 Euro). Er hat abgelehnt, auch als ich noch ein Aktienpaket draufgelegt habe. Hätte ich noch mehr bieten sollen?“
“Nein, nein. Es sieht so aus, als hätten wir es mit einem richtig ehrlichen Arschloch zu tun. Was genau droht uns von diesem Journalisten?“ er spuckte das letzte Wort regelrecht aus.

Smith stellte sein Whiskey Glas auf den niedrigen Kristallglastisch und kramte Papiere aus seiner Aktenmappe, die er Sir Barringer gab. Das Büro in dem die beiden Männer saßen war eher ein riesiges Wohnzimmer. Mindestens 100 Quadratmeter, 4 Meter hoch. Der Boden war edles Parkett, blitzblank poliert. Zwei Wände waren mit Bücherregalen gepflastert, und das war eine Menge Wand. Dazwischen befanden sich ein Flachbildschirmfernseher und eine gutbestückte Hausbar. In der dritten Wand befand sich eine große Flügeltür, die jetzt aber geschlossen war. An der Wand rechts und links davon hingen Jagdtrophäen. Vom Antilopengeweih bis zum Löwenfell war alles vorhanden. In einer Ecke lehnte ein mächtiger Stoßzahn eines Elefanten. Genau hinter dem überdimensionierten Rosenholzschreibtisch war eine Fensterreihe mit Blick auf den Atlantik. Der Besucher, der als Bittsteller auf seinem Schemel vor dem Schreibtisch saß, hinter dem, einem absolutistischen Fürsten gleich, Sir Frederick Jason Barringer thronte, fühlte sich zwangsläufig klein und unwichtig. Er saß hier im Büro eines alten mächtigen Mannes, den immer eine Aura der Gefahr umgab. Barringer machte sich nicht die Mühe zu verbergen, dass er egoistisch und aufbrausend war. Wer ihm rein vom Auftreten nicht gefiel wurde gefeuert, egal ob er jetzt drei Doktortitel und hundert Auszeichnungen hatte.

Smith wusste das und bemühte sich redlich den Alten nicht zu verärgern. Der Alte, den manche Shark nannten, hatte eine überwältigende Wirkung auf alle seine willigen Untergebenen. Überwältigend im negativen Sinne. Er duldete keinen Widerspruch. Er war der einzige Boss einer Bergbaufirma der seinen Wohnsitz noch nicht nach London oder Beverly Hills verlagert hatte, sondern immer noch in Afrika residierte. Hier in Freetown, bürgerkriegsgeschüttelte Hauptstadt von Sierra Leone, in der es nicht einmal die Einheimischen aushielten. In der Flüchtlinge die Straßen bevölkerten. Männer und Frauen ohne Arme, Beine oder Nasen. Unschuldige Opfer eines grausamen Konflikts, die in jedem westlichen Besucher Mitleid und Almosenwillen erweckten.
Barringer gab nie Almosen, wenn er sich mit seinem Bentley durch die Stadt chauffieren ließ. Er ließ seine Bodyguards Stockhiebe verteilen und fuhr eine Bettlergruppe auch mal über den Haufen, wenn sie nicht Platz machten. Zwei Ehefrauen hatte der alte Tyrann schon in die Alkoholsucht und in den Tod getrieben. Seine dritte Frau lebte getrennt von ihm in Genf. Keines seiner vier Kinder hatte es bei ihm ausgehalten. Sie waren alle verheiratet und hatten ihren Vater verlassen. Barringer machte es nichts aus, dass er seinen 65. Geburtstag alleine feiern würde.

Dies alles bedachte Smith, als er zu seinem Vortrag über den Journalisten Renard ansetzte.

„Renard hat in den letzten fünf Jahren mehrere kritische Artikel über die sogenannte ‚Ausbeutung’ der Dritten Welt geschrieben. Dabei hat er es vor allem auf die Bergbau- und Mineralölkonzerne abgesehen. Er ist Gebührtiger Südafrikaner, Jahrgang 62. Sein Vater war Hilfsarbeiter in einer Autogarage bei Johannesburg. Renard hatte seine erste Anstellung als Laufbursche bei einer Tageszeitung in Johannesburg im Alter von 16 Jahren. Dort flog er raus, als er eine Schreibmaschine klaute. Später hörte man von ihm als einem der ANC Aktivisten, die für ein paar liberale Zeitungen in Europa direkt aus den Townships berichteten. Er wurde vom südafrikanischen Geheimdienst als harmlos eingestuft. Das änderte sich jedoch, als er aufhörte nur seine marxistisch, ideologischen Artikel zu veröffentlichen, sondern anfing unter einem Pseudonym in einer der illegalen Township Zeitungen Spekulationen über das südafrikanische Atomwaffenprogramm anzustellen. Nicht wenige seiner Anschuldigungen gegenüber dem Apartheidregime fanden in Europa und den Staaten Gehör. Renard wurde mit Haftbefehl gesucht, aber seine ANC Freunde versteckten ihn natürlich. Darauf nahm man seinen Vater und Mutter in Beugehaft. Das war 1987. Der Sohn stellte sich nicht wie erwartet, um seine Eltern aus dem Gefängnis zu bringen, sondern wurde von ANC Kämpfern aus dem Land geschafft. Man musste seine Eltern nach 8 Monaten wieder freilassen. Sie blieben aber weiter Schikanen der Polizei ausgesetzt. Renard publizierte in seinem Exil in Nigeria weiter. Er veröffentlichte ein Buch über die Postkoloniale Ausbeutung Afrikas durch den Westen, das aber eine Auflage geringer als 2000 Stück hatte.“

„Sie brauchen mir nicht jeden Scheißhausbesuch im Leben dieses Terroristen aufzählen, kommen Sie zur Sache, Smith.“ Barringer füllte seinen Whiskey nach. Der De Beers Public Relations Director war inzwischen bei seinem Statement über den Kimberly Prozess angekommen. Barringer sah abwesend auf den Bildschirm.

„Was ist das für ein Arschloch? Warum schmeißen Sie den nicht raus? Der labbert doch nur Scheiße!“

Er hob die Whiskeyflasche, stellte sie dann aber zurück und mixte sich einen Gin Tonic. Viel Gin, kaum Tonic. Smith blätterte in seinem Exzerpt vor, Barringer hatte sein Exemplar nicht einmal angeschaut.

„Also, Renard zog nach dem Wahlsieg Nelson Mandelas wieder nach Südafrika. Dann unternahm er ein paar Reisen durch den Kontinent. Simbabwe, Namibia, Äthiopien, Kongo-Brazzaville, Sierra Leone und viele andere Staaten. Er schrieb weiter für europäische Zeitungen. Uns fiel er auf, als er 1997 einen Artikel über die Ausbeutung der Diamantminen in Sierra Leone durch die Sierra Mining Cooperation schrieb, Sie kamen dabei nicht sehr gut weg Sir Barringer.“ Smith sah vorsichtig auf. Der Alte stand bei der Bar und blickte starr in die Ferne.
“Ich erinnere mich. Der Schweinepriester hat mich einen faschistischen Ausbeuter genannt. Und so einem wollte ich noch Geld anbieten, damit er seine Schnauze hält. Wir hätten gleich drauf schlagen sollen. Weiter Smith!”

“Im selben und nächsten Jahr schrieb er mehrer Essays und Artikel über die Tätigkeit mehrere Söldnerfirmen im Dienste von Bergbaukonzernen. Sie erinnern sich, die Executive Outcomes Sache. Die Sierra Mining Cooperation geriet 1999 wieder in sein Schussfeld. Diesmal ging er publikumswirksamer vor. In einem von Reuters gesponserten Treffen mehrerer Journalisten aus der Dritten Welt in Paris holte er ein kleines schwarzes Mädchen aus Sierra Leone auf die Bühne, der von RUF-Rebellen beide Hände abgehackt worden waren. Dazu erzählte er seine Geschichte über den Bürgerkrieg in Sierra Leone, der von den Bergbaukonzernen finanziert wird. Dabei nannte er mehrmals unsere Firma beim Namen. Die Reporter und Fernsehteams waren gerührt und brachten das Bild des kleinen Mädchens teilweise sogar auf den Titelseiten. Unser Firmenname und der einer anderen Gesellschaft darunter.“ Smith machte eine Kunstpause.

Barringers Kopf begann rot anzulaufen. „Wenn ich allein an die Leserbriefe im Independent zu dieser Schweinerei denke werde ich schon wieder tobsüchtig. Die Leute haben die Geschichte von dem Frauenzimmer nur zu gerne aufgegriffen. Mein Gott wie wenn ich schuld daran wäre, dass man der kleinen Hure die Hände abgehackt hat. Wie viel ist unser Aktienkurs danach gefallen, Smith?“

„28 Punkte in der ersten Woche, Sir. 19 Punkte in der zweiten. Wir haben mehr als 60 Millionen Dollar verloren. Soll ich fortfahren?“ Barringer antwortet nicht.

„Als vor wenigen Monaten De Beers verkündet hat, keine Diamanten aus Bürgerkriegsgebieten mehr zu verkaufen war das Echo der Medienwelt mittel bis gering. Aber die Fachwelt und die UN waren natürlich 100% tatendurstig. Der Hohe Diamantenrat in Antwerpen beschloss gleichzeitig mit De Beers die Kontrollen für Blutdiamanten zu verschärfen. Kontrollausschüsse wurden gebildet. Jeder sogenannte ‚Experte’ trug ständig die Floskel ‚saubere Diamanten’ auf den Lippen und sprach sie bei jeder Gelegenheit in jedes Mikrofon, das ihm entgegengestreckt wurde.

Wir drohten ins Abseits zu geraten. Wir wollten nicht als Konzern dastehen, der Blutdiamanten handelt. Sie gaben eine Presseerklärung dazu ab. Wir starteten eine Marketingkampagne, zogen uns aus Sierra Leone zurück…“

„Ich weiß, was wir getan haben. Ich habe mich ja von ihnen und dem Aufsichtsrat beschwatzen lassen. Ich war von Anfang an dagegen und jetzt kommen sie mir mit neuen Problemen. Also machen Sie endlich einen Punkt Smith, Sie sind ein verdammter Schwätzer!“
Smith bemühte sich redlich die Fassung zu bewahren.

„Wir hatten natürlich nie vor uns aus Sierra Leone zurückzuziehen. Nur die Sierra Mining Cooperation unterband die Geschäfte hier im Land. Die Geschäfte übernahmen die über das Transmining-Netzwerk mit uns verbundenen African Tech Group und Millers Mineral Exploring Association MMEA. Wir blieben so nicht nur mit unserem Firmensitz in Freetown präsent sondern hatten auch unsere Tochterfirmen vor Ort, die für uns alle Geschäfte abwickeln. Das hat bisher noch nie einen interessiert und ist auch keinem aufgefallen. Und dann kam das hier.“

Smith fischte eine abgewetzte Zeitung aus seiner Aktenmappe. Lagos Mail Star von vor 2 Wochen. Auf der dritten Seite eine Bericht von Renard über unsere anhaltenden Aktivitäten in Sierra Leone.“ Smith setzte eine Lesebrille auf. „Blablabla die Sierra Mining Cooperation hat nicht wie angekündigt ihre Diamantenförderung in Sierra Leone eingestellt, sondern ist über ihre Töchterfirmen African Tech Group und MMEA weiterhin aktiv an der Ausbeutung und Unterdrückung des Landes beteiligt blablabla in Anbetracht dieser gravierenden Verletzung der UN-Sanktionen erwäge ich eine Beschwerde bei den Vereinten Nationen einzureichen. Blablabla.“

„Und er wollte das Geld nicht.“ Aus Barringers klang dies wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage.

“Nein.”

“Als ich jung war hätte ich nie 1 Million Rand ausgeschlagen. Und sehen Sie zu was ich es gebracht habe.“ Er fuhr mit einer ausschweifenden Handbewegung auf seine kostbaren Büroeinrichtung und die Jagdtrophäen. „Sie müssen eine Raubtier sein auf dieser Welt. Die sogenannten „Guten“ bekommen nie etwas im Leben. Sie bleiben immer auf der Strecke. Unbestechlichkeit, Ehrlichkeit, Keuschheit, Großzugigkeit, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit, Treue. Das sind die Tugenden nach denen die Verlierer und Schwachen in dieser Welt leben. Nelson hätte sich in seine Badewanne gehockt anstatt die Schlacht von Trafalgar zu schlagen, Cecil Rhodes hätte lieber seinen Vorgarten beackert als eine Republik zu gründen, Eisenhower hätte den Achsenmächten Europa überlassen, wenn er an solchen Unsinn geglaubt hätte. Die Tugendhaften werden Religionslehrer, die Genies verändern die Welt! Verstehen Sie das, Smith?“

Smith nickte bedächtig und verstand langsam eher warum es weder seine Kinder noch eine seiner drei Frauen bei Barringer ausgehalten hatten.

„Soll ich Ihnen was sagen Smith? Ich habe im Leben nie etwas geschenkt bekommen und es ist mir gutbekommen. Deshalb schenke ich auch nichts her. Wer etwas von mir haben will, der muss es sich verdienen. Fleiß, Smith! Fleiß, Beharrlichkeit und ein bisschen Grips. Mehr braucht man nicht um was zu erreichen. Und natürlich eine gute Portion Kaltblütigkeit. Sind Sie kaltblütig Smith?“

Smith setzte das Glas wieder ab, das er gerade zum Mund führen wollte. Was sollte er darauf jetzt antworten? Der Alte drehte langsam durch.

„Äh, also ich glaube schon.“
“Sie glauben Mister Smith? Das müssen Sie sich abgewöhnen. Sie müssen „Wissen“ nicht „Glauben“. Wenn Sie kaltblütig sind kann Sie nichts aufhalten. Dann arbeiten Sie sich aus jeder Zwickmühle wieder heraus. Ich bin kaltblütig. Das weiß ich. Ob Sie kaltblütig sind, müssen Sie mir erst noch beweisen. Bisher haben Sie ja noch nichts Großes geleistet. Ein paar Transaktionen abgewickelt, ein paar krumme Geschäfte gedreht, einige Angestellte entlassen und Ihre Sekretärin auf dem Kopierer gevögelt. Gucken Sie mich nicht so verstört an, Smith! Ich weiß von Ihren kleinen Techtelmechteln mit den weiblichen Büroangestellten. Ich hoffe das Ding zwischen ihren Beinen ist nicht das einzige was Sie zum Stehen bringen.“

Die Stimmung im Raum war umgeschwungen. Smith saß mit angezogenen Schultern auf seinem Sessel, das Whiskeyglas mit beiden Händen umfassend und sah ängstlich und erstaunt auf den alten Sir Barringer, der ihn unverhohlen provozierte. Was ging in dem Mann vor? War er verrückt?

„Wenn Sie kaltblütig sind, Mister Smith, dann wissen Sie was jetzt zu tun ist. Also wenn Sie ein bisschen helle sind, dann lösen Sie das Problem mit diesem Gazetten Schreiberling auf die Art wie Ihr alter Boss Barringer es tun würde. Sie verstehen mich?!“

„Nicht so ganz, Sir Barringer, aber ich…“

„Mein Gott, was für eine Jugend haben wir denn heute. Gehen ständig ins Kino und sehen sich diese Filme an und sind trotzdem schwer von Begriff. Sie sollen den Mann beseitigen. Umbringen, töten, kaltmachen. Nennen Sie es wie sie wollen.“

„Wie, ich? Sie meinen ich soll…“

„Nein der Heilige Geist. Man Smith, mir ist schon klar, dass Sie nicht einmal wissen wie man ein Huhn tötet. Dafür haben wir unsere eigenen Leute. Das sollten Sie langsam wissen, nach den Jahren die Sie schon bei uns sind. In irgendeiner Mine im Hinterland befindet sich zu Zeit ein gewisser Lawrence Courtland. Hat vor einiger Zeit eine Sache die ich ihm aufgetragen habe ziemlich verpfuscht und ist auf Bewährung bei uns. Nehmen Sie Kontakt mit ihm auf. Und jetzt gehen Sie wieder an die Arbeit und lassen Sie die Sekretärinnen in Ruhe.“

„Ja, Sir Barringer.“ Mit einer unterwürfigen Körperhaltung verließ Smith rückwärts den Raum. O´Farrell hatte im Fernsehen ebenfalls das Ende seiner Rede erreicht.

It is my hope and belief that this spirit of solidarity, co-operation and transparency between the various trade associations and bourses in the main cutting centres will be one of the defining characteristics of our industry into the future.

Ladies & Gentlemen, thank you.

Applaus von der Menge, die man nicht sah. Der Direktor trat ab. Ebenso Smith, der im Flur sein Taschentuch herauszog und sich den Schweiß von der Stirn wischte. Mein Gott, Sir Barringer war verrückt. Hochgradig verrückt. Nicht nur ein bisschen schrullig, sondern wirklich irre. Er musste den Aufsichtsrat davon in Kenntnis setzten. So ein Mann konnte doch nicht ein Unternehmen führen.

Oder konnte er vielleicht doch? Brauchte man dieses Quantum an Besessenheit um erfolgreich zu sein? Wenn ja, wollte er, Smith, lieber nicht erfolgreich sein. Der Alte war bereit über Leichen zu gehen.

„Auch über meine Leiche.“ fiel es Smith wie Schuppen von den Augen. Er konnte nicht zum Aufsichtsrat gehen. Die standen doch alle hinter Barringer.

Dann fiel ihm ein, was der Alte von diesem Courtland gesagt hatte. Ob er wollte oder nicht. Der Boss hatte ihm etwas befohlen und er würde es tun. Auch wenn er seine Hände mit Blut besudelte.



Nigeria; 29 April 2002

Lagos, Metropole Westafrikas. Hoffnung für Abertausende von verarmten Landbewohnern, Hölle für seine Einwohner, Stadt des schnellen und einfachen Geldes und Sinnbild des afrikanischen Elends in seinem schlimmsten Ausmaß.

Ehemals blühende Hafenstadt war Lagos innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer einzigen riesigen Müllhalde geworden in der die Ratten oft besser hausten als die Menschen. Es gab sowieso viel zu viele Ratten, mindestens vier Ratten kamen auf einen Einwohner. Und Lagos hatte deren über 15 Millionen. Genaue Zahlen gab es nicht. Es wurde nur noch geschätzt und die Zahl nach oben korrigiert. Die Slums um die City wuchsen schneller als die Pickel auf dem Gesicht eines Pubertierenden. Täglich kamen neue Familien aus den armen Provinzen hinzu. Immer geringer wurde der Wohnraum. Und da die Menschen so nah aufeinander wohnten, lernten sie sich natürlich auch schneller kennen. Der HIV-Virus grassierte wie weiland der schwarze Tod in Europa. In zehn Jahren würde AIDS dafür sorgen, dass die Überbevölkerung ein Ende fand. Aber bis dahin war es noch lange und heute dachte jeder, der das Virus bereits in sich trug, nur daran, den nächsten Monat, die nächste Woche oder nur den nächsten Tag zu überleben, und verschwendete keinen Gedanken an die Zeitbombe, die er in seinem Samen trug und munter weiter verteilte.

Wenn sensationslüsterne Journalisten in ihren Pseudo-Reportagen mit dem Polizeihubschrauber über Johannesburg fliegen und berichten, der südafrikanische Ort sei die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in der Welt, hatten sie noch nicht Lagos bei Nacht erlebt. Was wohl auch besser so war. Verbrechen war hier so alltäglich, dass man nicht mehr hinsah. Wurde zum Beispiel ein Gemüsehändler auf offener Straße von Banditen erschossen und beraubt rief man nicht einmal die Polizei. Aus zwei Gründen: Erstens gab es in den Slums kein funktionierendes Telefonnetz und zweitens konnte es sein, dass die Polizei den Überfall selbst durchgeführt hatte. Die Beamten in Nigeria hatten zwar kein regelmäßiges Gehalt, dafür aber Gewehre mit Munition. Sie versuchten, wie alle anderen, ihre Familien zu ernähren. Dass die Polizeibeamten dabei jährlich rund 300 „Verdächtige“ töteten, war traurig aber real.

Hinzu kamen ethnische Konflikte zwischen Muslimen, Christen und Animisten, politische Verfolgung, Folter, marodierende Soldaten und staatliche Willkür, wo man noch von einem Staat sprechen konnte.

Manche bezeichneten Lagos als eine einzige riesige Räuberhöhle. Es war unangefochten die kriminellste Stadt der Welt. Johannesburg konnte sich mit Nairobi um den dankbaren zweiten Platz streiten. Beide afrikanische Metropolen waren weit abgeschlagen. Hoyerswerda wirkte gegen diese Städte wie ein wahr gewordener Traum des Weltfriedens.

Doch auch wenn in Lagos niemand alt wurde, gab es Leute, die gern in dieser Stadt lebten. Einer von ihnen war Maurice Renard. Schwarzafrikanischer Schriftsteller, Revoluzzer, Lehrer und Überlebenskünstler. Irgendwie hatte er es geschafft trotz aller Widrigkeiten sich selbst treu zu bleiben. Es gab nicht wenige, die ihn wegen dieser Aufrichtigkeit und Unbestechlichkeit verdammten. Er war Journalist, auch wenn er nie eine dementsprechende Ausbildung gemacht hatte.

In Lagos hatte er sich eine Wohnung eingerichtet. Direkt über dem Laden eines Mechanikers, der Kotflügel glatt hämmerte und einen schwunghaften Handel mit gefälschten Nummernschildern betrieb.

Auf engstem Raum schlief, aß und schrieb er jetzt seit 2 Jahren. Mit ihm lebte seine Lebensgefährtin, sowie in wechselnder Zusammensetzung etwa ein halbes Dutzend Freunde, Bekannte oder Mitarbeiter. Aber heute war er alleine. Seine Freundin war auf dem Markt einkaufen und keiner störte ihn. Der Apple Computer summte monoton vor sich hin. Renard tippte seinen neuen Artikel für den Lagos Mail Star, einer regionalen Zeitung von überraschend hoher Qualität, als er merkte, dass außer ihm noch jemand im Raum war.

Er blickte überrascht auf und sah einen Mann Mitte zwanzig.

„Können Sie nicht klopfen? Was wollen Sie?“ harschte er ihn an.

Aber der Angesprochene grinste nur breit und entblößte zwei goldene Schneidezähne.

„Polizei. Mitkommen.“

„Was Polizei? Zeigen Sie ihren Ausweis.“

„Entweder Mitkommen oder das hier.“ Er hatte plötzlich einen Gummiknüppel in der Hand.

„Sie kommen hier rein, sagen kein Wort und fangen auch noch an mich zu bedrohen! Was soll das?“

„Mitkommen, dann werd ich es Ihnen sagen.“ Er schlug mit dem Knüppel leicht in seine hohle linke Hand.

Es war nicht das erste Mal, dass Renard mit einem Schläger zu tun hatte. Die Straßen waren voll davon und man musste auf der Hut sein um nicht ausgeraubt zu werden. Für solche Fälle hatte er einen Revolver in der Schublade. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen ihn zu benützen.

„Sehen Sie mal nach Hinten.“ forderte er den Schläger auf. Der drehte sich in seiner ganzen Beschränktheit natürlich um. Schon hatte Renard die Schublade aufgerissen und den schweren Colt Navy in der Hand. Kalter, blauer Stahl, vom vielen Putzen in der Sonne glänzend. Sein Lauf fest auf die Brust des uneingeladenen Besuchers gerichtet.

„V E R S C H W I N D E .” buchstabierte Renard. Verdutzt legte der Schläger den Rückwärtsgang ein. Renard setzte ebenfalls einen Schritt vor den anderen und ließ ihn nicht aus dem Auge. So ging es aus dem Zimmer, die Treppe runter und schließlich auf den staubigen Hof. Der Schläger rückwärts voran und Renard mit dem Revolver hinterher. Niemand war auf dem von weißen Mauern umgebenen Hof zu sehen. Hier lagerte der Autoteilehändler seine Ware. Aber es gab eine Hintertür, die offen war. Renard deutete mit dem Revolver auf sie.

„So, da geht’s raus und lass dich nie wieder hier blicken.“

Der Angesprochen schien nichts dagegen einzuwenden zu haben und drehte sich um. In diesem Moment geschah es. Renard spürte den pochenden Schmerz im Nacken. Sein Gesicht vorzog sich zu einer schmerzhaften Grimasse und er riss den Kopf hoch, bevor er in die Knie ging. Sein Finger krümmte sich um den Abzug und eine Kugel verließ den Lauf, als der Totschläger zum zweiten Mal auf seinen Kopf niedersauste. Renard lag im Staub des Hofes. Ein brauner Wildlederstiefel trat auf seine rechte Hand und unter dem Druck ließ er den Revolverknauf los. Aber all das bekam er schon nicht mehr mit. Sein Gehirn hatte so viele Erschütterungen abbekommen, dass es für 10 Vollkater gereicht hätte.

Courtland hob den Colt auf und warf einen Blick auf den schwarzen Gangster, der die Kugel abbekommen hatte. Es war besser so, Courtland hätte ihn sowieso töten müssen, wenn er es überlebt hätte. Ruckhaft drehte sich der hagere Kämpfer mit dem immer grauer werdenden Haar zu seinen Begleitern um, einem schlaksigen Nigerianer, der für die Sierra Mining Cooperation arbeitete, und einem stämmigen Südafrikaner namens Roy de Valera.

„Schafft ihn auf den Pickup, aber seht zu, dass euch keiner sieht.“



Deutschland; 04 Mai 2002

Frühlingshafte 19° Celsius zeigte das Thermometer an diesem Morgen an. Barlmoro hatte in seinen Büro die Fenster geöffnet und ließ die frische Luft herein, was eigentlich nicht im Sinne des Handwerkes war, der 10 cm dickes Panzerglas für die Fensterscheiben verwendet hatte. Aber wenn man die Wahl hatte entweder von einem Scharfschützen erschossen zu werden oder langsam und qualvoll in seinem eigenen Mief zu ersticken, nahm man lieber das Risiko in Kauf, eine Kugel in den Kopf zu bekommen.

Barl lehnte sich in seinem lederüberzogenen Chef-Schreibtischsessel zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, wobei die Muskelpakete an seinen Oberarmen beinahe den Stoff des weißen Businesshemdes zu sprengen drohten. So bequem dasitzend, einen Bleistift im Mundwinkel, hörte er sich an, was Ypsilon zu erzählen hatte.

Der mächtige Mann saß auf einem Stuhl, der unter seinem riesenhaften Körper sehr zerbrechlich wirkte.

„… drei Minuten später war ich drin und wollt mich mal mit dem Burschen unterhalten. Wir sind aber irgendwie nicht richtig warm miteinander geworden. Er wollte nicht reden, ich nicht locker lassen. Als er dann auch noch pampig wurde, hab ich ihn am Fußgelenk gepackt und ein bisschen aus dem Fenster baumeln lassen. Da hatte er es plötzlich ganz eilig gehabt zu quatschen. Hat mir alles erzählt. Aber nichts, was wir nicht schon wüssten. Die Sache wäre damit wohl abgeschlossen.“

„Gut, exzellente Arbeit. Ich gebe dann dem Kunden Bescheid, dass wir jetzt zu hundert Prozent wissen, wer in seiner Firma Interna an die Konkurrenz verrät und ihn mit seinem Jeep von der Straße drängen wollte. Gibt’s sonst noch was?“

„Ja, die Batterien von dem Nachtglas sind leer.“

„Was, schon wieder! Irgendwer muss das Ding die ganze Zeit eingeschaltet rumliegen lassen.“ Barl nahm das Nachtglas vom Schreibtisch und prüfte den Batterieschacht, in dem zwei stinkteuere Batterien steckten. In diesem Moment summte die Gegensprechanlage.
“Herr Barlmoro, eine Dame ist im Vorzimmer.“ Tönte die monotone Stimme der Sekretärin.

„Was für eine Dame?“

„Eine Dame eben, Sie will mit Ihnen oder Herrn Hieb sprechen. Aber der ist nicht da.“

„Gut, warten Sie zwei Minuten und bitten Sie sie dann zu mir rein.“

Das Knacken in der Leitung bestätigte, dass die Sekretärin ihn verstanden hatte.

Barl gab Ypsilon mit dem Kopf einen Wink und dieser verschwand entgegenkommend im angrenzenden Büroraum und nahm das Nachtglas und sein Funkgerät gleich mit.

Barlmoro machte gutgemeinte aber vergebliche Versuche etwas Ordnung auf seinem Schreibtisch zu schaffen, schloss die Tür eines Aktenschrankes, nahm den Bleistift aus seinem Mund und war dann bereit den Gast zu empfangen.

Er drückte auf einen Knopf der Gegensprechanlage.

„Bitten Sie die Dame bitte herein.“

Nur wenige Atemzüge später klopfte es leise an der Tür und Barlmoro rief „Herein.“

Die Tür schwang auf und auf zierlichen schwarzen Pumps tippelte das wohl schönste Geschöpf, das dieser Raum je gesehen hatte, herein.

Barlmoro sprang unwillkürlich auf und bot ihr den Stuhl an, auf dem eben noch Ypsilon gesessen hatte.

„Setzen Sie sich, darf ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee, Tee?“

„Nein danke. Miss Amalia Renard.“ Sie reichte ihm die Hand.

„Ich bin hocherfreut, Miss Renard. Barlmoro, Barlmoro & Hieb Mercenary Pool.“ Hätte sie ihre Hand nur eine Spanne höher gehalten, hätte Barl wohl einen Handkuss versucht. So beließ er es bei einem Händeschütteln.

Er ging um den Tisch herum und setzte sich, sein Gast ließ sich ebenfalls auf dem mit Samt überzogenen Barockstuhl nieder. Dabei strich sie den knielangen Rock ihres taubengrauen Kostüms glatt. Barlmoro sah sie sich genau an. Sie war wohl um die 25, vielleicht auch etwas älter. Das pechschwarze Haar schulterlang und zu einem lockeren Zopf nach hinten geflochten, so dass man ihr Gesicht in voller Pracht sehen konnte. Ihr Herkunftsland war eindeutig Afrika. Barlmoro war lange genug als Fremdenlegionär in Afrika gewesen um zu wissen, dass das alte rassistische Kolonialklischee „Alle Neger sehen gleich aus“ nicht der Wahrheit entsprach. Am deutlichsten zeigte sich das in Ruanda und Burundi, wo die negriden Hutu und die nihilitischen Tutsi seit Jahren ein blutigen Bürgerkrieg führten und es zu furchtbaren Massakern kam. Bei seinem Gast hatte Barl Schwierigkeiten, sie einzuordnen. Semitische Gesichtszüge, aber auch negride Einflüsse. Die Haut zu hell, als dass sie aus Zentralafrika kommen könnte. Ihr Englisch zu gut, um aus einer der französischen Provinzen zu stammen. Auf jeden Fall war sie schön, sehr schön. Barlmoro merkte, dass er sie jetzt eine Sekunde zu lange fixiert hatte und er etwas sagen musste.

„Miss Renard, was führt Sie zu uns. Haben Sie ein Problem oder eine Aufgabe die Sie gerne uns übertragen wollen?“ Barlmoro hoffte, dass sein Englisch nicht zu schlecht war, vielleicht konnte man das Gespräch später noch auf Französisch umlenken, das er fließend sprach. Im Notfall konnte er Ypsilon als Übersetzter hinzuschalten, der jetzt sicherlich im Nebenraum hockte und lauschte. Das würde sich einer, der im russischen Geheimdienst tätig gewesen war, nie abgewöhnen.

„Mister Barmoro, ich habe wirklich ein Problem. Ich habe über eine Freundin von ihrer Firma gehört, sie ist Model und vor ein paar Monate haben zwei Männer ihrer Firma für sie als Begleitschutz fungiert.“

Barl musste lächeln. Mund zu Mund Propaganda funktionierte immer noch am besten.

„Sie hat auf jeden Fall gemeint, dass sie nicht nur Bodyguard Aufgaben übernehmen sondern auch andere Sachen.“ Sie drückte sich um das, was sie sagen wollte. „Und da ich zur Zeit ein sehr schweres Problem habe… eigentlich hat jemand aus meiner Familie das Problem … also schon ich auch eben ein Problem. Sie verstehen?“

Barlmoro nickte, obwohl er eigentlich nicht verstand. Sie redete sehr schnell und dazu noch wirres Zeug. Er verstand immer nur „Problem“, aber das klang schon mal gut.

„Sie wollen sagen, dass Sie uns für eine Aufgabe benötigen, die über das normale Angebot des Personenschutzes hinausgeht?“

„Ja, was ich sagen will, ist, dass einer meiner Brüder in großen Schwierigkeiten steckt. Sogar in sehr großen. Wir – meine Familie – weiß nicht einmal, wo er im Moment ist. Man hat mich vor drei Tagen aus Nigeria angerufen, dass mein Bruder Maurice spurlos verschwunden ist. Dafür lag eine Leiche im Hinterhof seines Hauses, die eindeutig mit Maurice Revolver erschossen wurde. Wir haben Angst, dass er entführt wurde.“

„Das klingt allerdings schlimm. Besteht denn Grund zur Annahme, dass ihr Bruder entführt wurde?“
“Nein eigentlich nicht. Er ist nicht reich, er hat nur wenig Geld. Also für nigerianische Verhältnisse ist er wohl wohlhabend. Aber noch nicht so wohlhabend, dass sich eine Erpressung lohnen würde. Außerdem gab es keine Lösegeldforderung.“

„Wann verschwand ihr Bruder genau?“
“Am 29. April.“

„Das ist schon fast ein Woche. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Entführer erst nach einiger Zeit melden, um die Angehörigen mürbe zu machen. Aber eine Woche ist schon sehr lang, meldet sich in der nächsten Woche auch niemand, handelt es sich meistens um keine Lösegeld-Entführung, sondern…“ Barlmoro stockte. Wie sollte er den Satz beenden, er konnte ihr ja nicht sagen, dass es sich dann meistens um einen Mord handelt, bei dem die Leiche bei Seite geschafft wurde. Barlmoro entschied sich zu einer Notlösung: „…sondern um eine Entführung, bei der es nicht um Geld geht oder um sehr gerissene Entführer, die ihr Opfer erst einmal an einen sicheren Ort bringen wollen. In Kolumbien zum Beispiel kommt das sehr häufig vor. Was für Gründe konnte es noch für eine Entführung geben, hatte ihr Bruder Feinde, Schulden oder war er Mitwisser bei einem Verbrechen?“

„Verbrechen! Mein Bruder war kein Verbrecher!“

Scheiße, da hatte er sich in die Nesseln gesetzt. Barl versuchte abzuschwächen. „Natürlich nicht. Aber wenn ihr Bruder zum Beispiel Polizist ist, kann es sein, dass er etwas wusste, das niemand erfahren sollte. So etwas, Sie verstehen?“

„Ja, natürlich. Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Mein Bruder war Journalist. Er hat viele Artikel und einige Bücher geschrieben und hatte auch viele Feinde. Ich habe mir auch schon gedacht, dass er deswegen entführt wurde.“

„Was für Feinde? Polizei, Geheimdienst, Verbrechersyndikat?“

„Alles. Früher musste er sich verstecken, er war Mitglied des African National Congress. Aber in letzter Zeit hat er nur Artikel gegen die Globalisierung und die Ausbeutung Afrikas geschrieben.“
Barl wusste wofür African National Congress stand. Bekannter war diese Organisation unter ihren Initialen ANC. Die Widerstandsorganisation, die gegen die Apartheidregierung in Südafrika, Namibia und Simbabwe gekämpft hatte. Eine Terrororganisation, die man nicht so nennen durfte, die aber Terror für ihre Ziele eingesetzt hatte, heute die Regierung in Südafrika stellte und deren berühmtester Vertreter Nelson Mandela ist.

„Wissen Sie genauer, über was ihr Bruder geschrieben hat?

„Ich hab Ihnen seine letzten Artikel mitgebracht.“ Sie griff in ihre sehr große Lederhandtasche und förderte einen DINA 4 Ordner zu Tage, den sie Barlmoro reichte.

„Gut, ich werde mir das ansehen. Die Entführung fand wo in Nigeria statt?“

Amalia Renard erzählte dem B&HMP Chef alles über die Umstände der Entführung, die bekannt waren. Und das war sehr wenig. Barlmoro stellte viele Fragen, die sie aber meist nur mit einem Schulterzucken beantworten konnte. Sie sprachen inzwischen Französisch, denn Barl hatte es durch ein paar hingeworfene französische Floskeln geschafft, das Gespräch auf diese Sprache umzulenken, die Miss Renard ebenfalls fließend beherrschte. Während beide sich nun angeregt unterhielten, fluchte Ypsilon im Nebenraum, weil er nur noch Bahnhof und „quelque chose“ verstand.

Die Zeit verging sehr schnell. Ehe Barl es richtig merkte, war es fast schon Mittag und sie hatten schon über eine Stunde über absolut irrelevante Dinge geredet.

„Also Miss Renard, wir nehmen den Auftrag Ihren Bruder zu Finden an. Dazu müssen wir aber wohl nach Afrika und dort Nachforschungen anstellen. Ich bin mir jetzt fast sicher, dass Leute ihren Bruder entführt haben, die wütend wegen seiner Artikel über die Rohstoffausbeutung in Afrika waren. Wir werden heute noch alles in die Wege leiten. Sie wissen, dass unsere Dienste nicht gerade billig sind?“

„Natürlich. Machen Sie sich da keine Sorgen. Ich verdiene genug. Ich habe schon meinen Bruder mit Geld unterstützt.“
Barl fragte sich, was so ein hübsches Geschöpf denn für einen Job haben konnte.

„Darf man fragen, was Sie Beruflich machen?“
“Ich bin Model, zurzeit bin ich Deutschland, weil ich in Berlin auf einer Modenschau war. Ich habe selbst vor nach Nigeria zu fliegen. Meine Schwägerin ist mit den Nerven am Ende und braucht meine Hilfe.“

„Gut, das geht mich nichts an. Es ist sicher nicht schlecht, wenn Sie vor Ort sind. Schön, dass das geregelt ist.“ (womit er die Bezahlung seiner Söldner meinte)

„Also, alles ist eigentlich noch nicht geregelt. Es gibt da noch ein zweites Problem.“
Barl setzte sein hilfsbereitestes Lächeln auf. „Es gibt nichts, was wir nicht lösen könnten.“
“Mein Freund… er ist nicht wirklich mein Freund, gibt meinen Pass nicht heraus. Sie müssen wissen, er ist sehr eifersüchtig und manchmal auch,“ sie suchte nach dem richtigen Wort, „aufbrausend. Er will alles kontrollieren. Ich wohne zurzeit in seiner Wohnung in Köln. Wir verstehen uns nicht mehr. Aber…“ Barlmoro konnte sehen, wie sich in ihrem linken Auge Tränenflüssigkeit sammelte und er reichte ihr vorsichtshalber ein Taschentuch. Sie nahm es dankbar an und wischte sich über die Augen.

„Ich hab schon zwei Mal versucht ihn zu verlassen. Aber der Mistkerl lässt mich nicht weg. Er hat meinen Reisepass in seinem Tresor. Er hat mich sogar schon geschlagen, als ich den Pass nehmen wollte.“ Jetzt kullerte ihr wirklich eine Träne über die Wange. Barl stand auf und legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Keine Sorge, Miss Renard. Das Problem lässt sich wirklich sehr einfach lösen. Sie werden sehen. Heute Abend haben Sie ihren Pass und der Kerl wird Sie nie mehr belästigen. Das verspreche ich ihnen.“

Er reichte ihr ein weiteres Taschentuch, aber sie hatte sich schon wieder beruhigt. „Danke, ich geh jetzt besser. Vielen Dank. Sie können mich hier erreichen. Ich wohne seit gestern bei einer Freundin hier in Frankfurt.“

Sie reichte ihm eine Adressenkarte und ließ sich von ihm nach Draußen begleiten, wo sie ihm auch noch die Adresse ihres rüpelhaften Freundes gab. Barl ließ ein Taxi rufen und wartete, bis sie eingestiegen war. Dann ging er zurück ins B&HMP Büro. Ypsilon saß im Vorraum und ließ sich von der mütterlichen Sekretärin mit Kaffee und Plätzchen versorgen.

Als Barl reinkam blickte er auf. „Interessante Kleine. Aber wenn ihr noch länger geredet hättet, wäre ich in dem Kopierraum noch verhungert.“ sagte er mit ernster Miene. „Ist sie das? Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich konnte sie durchs Schlüsselloch nur beim rein und rausgehen sehen.“ Er hob eine aufgeschlagene Illustrierte hoch, die auf einem Tischchen neben der Couchgarnitur lagen. Das Foto von Amalia Renard auf dem Laufsteg nahm fast eine halbe Seite des sowieso nicht sehr textlastigen Artikels ein. „Premiere der Neuen Berliner Modenschau voller Erfolg!“ stand da in großen Lettern. Dann kam das Foto von Miss Renard und daneben eins von einem weiteren sehr bekannten Model.

Barl nahm die Zeitschrift. „Ich glaub ich muss mehr von diesen Klatschblättern lesen.“

„Was habt ihr eigentlich geredet, ich hab am Schluss kein Wort verstanden. Und,“ er machte eine Pause, „hat sie geweint?“

„Ja.“ knurrte Barl unwirsch. „Ist Hieb schon da? Ich will nicht alles dreimal erzählen.“

Hieb war bereits vor einer Stunde eingetroffen und war seitdem in seinem Büro. Den Auftritt des Models hatte er leider verpasst. In seinem Büro erzählte Barl das Vorgefallene.

„…und das ist eben das zweite Problem. Er weigert sich ihren Pass rauszurücken und hat sie sogar schon geschlagen, als sie ihn verlassen wollte. Genau der Typ eingebildeter Affe, den man immer wieder trifft.“ Barl dachte an den ersten Mann, den er getötet hatte. Es war auch eine Frauengeschichte gewesen und der damals Verschiedene hatte ebenfalls auf sein angebliches Vorrecht plädiert.

„Da sie unsere Auftraggeberin ist und unseren Sold bezahlt, werden wir das Problem für sie lösen. Es triff sich hervorragend, dass du bereits da bist Ypsilon. Ich glaube das ist eine Aufgabe für dich. Das Arschloch heißt Jens Jenkins auch Jens „der Schöne“ genannt. Ihm gehört ein Nachtclub in Köln und einer in Berlin und Hamburg. Er ist einer dieser High Society Proleten, die noch nie in ihrem Leben ernsthaft gearbeitet haben, aber einen schicken Ferrari fahren. Seine Hauptbeschäftigung scheint zu sein, auf Ammler-Parties mit seinen minderjährigen Begleiterinnen zu protzen und dabei zu hoffen, dass ein Kamerateam von RTL2 da ist um ihn dabei zu filmen. Keine Ahnung wie Miss Renard zu dem gekommen ist. Aber jetzt will sie weg und der Sack lässt sie nicht.“

„Ich denke, du gehst nicht allein Ypsilon. Sicherheitshalber. Phoenix ist gerade frei und streunt hier in der Gegend rum. Ein bisschen Abwechslung wird ihm gut tun.“ kommentierte Hieb.



Das Penthouse in dem Jens Jenkins wohnte, war im 9. Stock eines Gebäudes am Rande der Kölner Innenstadt.

Phoenix legte seinen Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Die beiden Söldner standen auf dem belebten Gehsteig, es war kurz nach 18 Uhr und der rote Ferrari vor dem Haus deutete darauf hin, dass Jenkins zu Hause war. Phoenix blickte zu Ypsilon.

„Ziemlich belebt hier unten. Ich denke, du solltest den Kerl diesmal lieber nicht am Bein aus dem Fenster hängen.“

Ungerührt blickte Ypsilon nach oben. „Woher weißt du denn das schon wieder? Hat Hieb dir das erzählt? Aber glaub mir Junge, wenn du gerade keine Wahrheitsdrogen zur Hand hast, gibt es nichts besser um einen bockigen Delinquenten zum Sprechen zu bringen, als ihn aus dem Fenster zu hängen.“ Er ließ eine Kaugummiblase zerplatzen. Der chemische Zimtgeruch zeigte Phoenix, dass es ein Big Red war.

Die beiden Söldner halfen einer Frau mit Kinderwagen in den Fahrstuhl einzusteigen und fuhren dann in den neunten Stock.

„Was machen wir, wenn er nicht alleine ist?“

„Die Person höflich nach draußen bitten, dann weiter gemäß Plan.“

„Ich wusste gar nicht, dass wir einen Plan haben.“ grinste Phoenix und drückte die Klingel. Eine Sekunde später summte der Türöffner. Ypsilon verzog ratlos das Gesicht und ließ Phoenix den Vortritt. Die Wohnung war wirklich teuer und geschmackvoll eingerichtet, wenn man mit Leopardenkunstfell überzogene Sofas mochte. Die beiden dunkel gekleideten Söldner sahen sich in Ruhe um, während sie auf den Besitzer warteten. Plötzlich klang eine Stimme aus dem Nebenraum.

„Machs dir bequem Schatz, ich wusste doch, dass du vernünftig werden würdest. Ich lieb dich doch. Du brauchst mich, du kannst nicht ohne mich leben. Aber wenn du immer weglaufen willst, werde ich eben wütend. Du hast es in der Hand, ob ich wütend werde.“ Der Mann, zu dem die Stimme gehörte, trat in den Türrahmen.

Wenn Jens Jenkins erwartet hatte, dass eine schuldbewusste und gehorsame Frau zu ihm zurückkam, um ihn um Verzeihung zu bitten, wurde er aufs Herbste enttäuscht. In seinem Wohnzimmer stand nicht die schlanke Gestalt eines Topmodels, sondern ein Kerl mit dem Körperbau eines Zuchtbullen, der völlig ungeniert seine CD-Sammlung durchsah.

Mit offenem Mund und unfähig ein Wort rauszubringen, ließ Jens Jenkins seinen Blick von dem Muskelberg zu einem zweiten Mann streifen, der sich vor einem Fenster aufgebaut hatte.

Dieser Mann war wesentlich schmächtiger als der andere. Er war wohl eben erst der Pubertät entwachsen und trug einen schwarzen Ledermantel.

Langsam ging der Unbekannte von Fenster zu Fenster und zog die Gardinen zu, dabei sah er Jenkins kurz tief in die Augen - jung, hellwach, tödlich.

Endlich brach er die Stille: „Herr Jenkins, Amalia Renard hat uns geschickt.“

(Hieb hatte Phoenix die ganze Geschichte erzählt und sie waren zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Sinn machte zu verheimlichen wer sie geschickt hatte.)

„Was … was wollen Sie? Was machen Sie hier?“

„Ihre Ex-Freundin will in Zukunft nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Nie wieder.“ Er zog das Wort „nie“ in die Länge.

„Wie… wieso kommt sie nicht selbst? Was…“

Phoenix hatte das letzte Fenster verdunkelt. Jenkins fragte sich verzweifelt, warum er das tat. Er blickte zu dem Riesen, der neben dem CD-Regal stand und geruhsam einen Kaugummi auspackte. Sein Gesichtsausdruck war gefühllos. Nun traten seine zwei uneingeladenen Gäste von beiden Seiten langsam an ihn heran. Der jüngere hatte seine behandschuhte Hand in der Manteltasche.

„Geht sofort … raus! Verlassen Sie sofort meine Wohnung!“ seine Stimme zitterte.

Phoenix schüttelte langsam aber bestimmt den Kopf.

Mit einem Seitenblick nahm Jenkins wahr, dass der riesenhafte Kerl ebenfalls schwarze Lederhandschuhe über den Händen trug. Schlagartig fiel es Jenkins wie Schuppen von den Augen. Die verdunkelten Fenster, die Handschuhe, die Faust in der ausgebeulten Manteltasche … sie wollten ihn hier drinnen abknallen und keiner sollte es sehen!

Er begann zu wimmern: „Bitte, bitte nicht. Es tut mir leid. Ich wollte sie nicht schlagen. Aber … aber… bitte nicht…“

Sie blieben dicht neben ihm stehen. Jenkins rutschte im Türrahmen wimmernd auf den Boden. Es war soweit.

„Wo hast du ihren Pass? Im Tresor?“

„Was? Bitte nicht! Ich weiß nicht was Sie von mir wollen!“

„Verarsch uns nicht! Wir finden den Tresor auch ohne dich. Ich hab in meinem Leben schon genug Zimmer durchsucht! Aber für dich wäre es besser, wenn du uns möglichst schnell davon überzeugst, dass du noch nützlich für uns bist!“ herrschte Ypsilon ihn an.

Jenkins zog den Rotz in seiner Nase hoch und blickte auf. „In Ordnung, aber bitte tun Sie mir nichts. Der Safe ist da hinten. Er rappelte sich auf und führte sie ins Schlafzimmer, wo er einen Schrank öffnete und Kleidungsstücke beiseite schob. Eine kleine graue Stahltür kam zum Vorschein. Vielleicht zwanzig mal zwanzig Zentimeter groß. In der Mitte ein Rädchen.

„Aufmachen.“ Phoenix trat neben die offene Schranktür. Mit zitternden Händen drehte Jenkins an dem Zahlenschloss und zog schließlich die Tür auf. In seinem Hirn spukten tausend Gedanken. Die kleine braune Schlampe war schuld an Allem. Diese Kerle waren Killer. Sie würden ihn umbringen!
Ypsilon und Phoenix triumphierten schon innerlich. Was man mit ein bisschen Druck doch alles erreichen konnte. Sie hatten nie vorgehabt den Kerl abzuknallen. Der Ärger mit der Polizei war das nicht wert. Bis auf die kleine Walther PPK, die Ypsilon in seinem linken Schuh trug, hatten sie nicht einmal eine Waffe dabei. Sie hätten ihn höchstens ein bisschen verprügeln wollen, damit er sich merkte, dass ein Gentleman keine Frauen schlägt.

Aber Jenkins war verständlicherweise fest davon überzeugt, dass, sobald er den Kerlen gegeben hätte, was sie wollten, er selbst eine Kugel in den Kopf bekommen würde. Der Überlebensinstinkt ergriff bereits wieder die Oberhand und drängte die Todesangst zurück. In dem Tresor lag im obersten Fach eine Pistole. Instinktiv griff er danach.

Er hatte keine Chance. Phoenix stand keinen halben Schritt neben ihm und ließ ihn keinen Moment aus den Augen. Als Jenkins Hand in das Tresorfach schnellte, sah er noch aus den Augenwinkeln eine Pistole mit Holzschalengriff und schlug bereits im selben Moment die Tresortür mit Schwung zu.

Jenkins kreischte laut auf und zog seine übel gequetschte Hand zurück. Phoenix schubste ihn vom Tresor weg in die Arme Ypsilons.

Emotionslos packte der den Unbedachten am Kragen seines Seidenhemds. „Das hättest du nicht tun sollen.“

Im nächsten Moment knallte er ihm die freie Rechte auf eine Stelle knapp unterhalb des letzten Rippenbogens. Man konnte hören, wie die Luft laut pfeifend aus seinen Lungenflügeln entwich. Hätte Ypsilon ihn nicht festgehalten, wäre er sofort zusammen geklappt. Jenkins rang nach Atem, als Ypsilon ausholte und ihm einen Kinnhaken verpasste. Diesmal flog der Getroffene rückwärts auf das breite Doppelbett, wo er bewusstlos liegen blieb. Ypsilon hatte nicht mal mit halber Kraft zugeschlagen, weil Jenkins sonst wohl nicht mehr aufgewacht wäre.

Phoenix holte die Pistole aus dem Safe und ließ sie um seinen Zeigefinger kreiseln. „9mm PAK. Schreckschusspistole.“

„Mit dem Ding wollte er uns wohl erschrecken. Hast du den Pass?“

Phoenix nickte und blätterte in dem vom Südafrikanischen Außenministerium ausgestellten Dokument. Beim Passbild blieb er hängen.

„Scharfes Mädchen. Wo hat Barl die denn aufgerissen?“

„Wir gehen jetzt besser.“

Sie verließen die Wohnung, als Jenkins gerade wieder zu Bewusstsein kam.

Im dämmrigen Zustand wurde ihm klar, dass er in den nächsten Monaten Dauergast beim Kieferorthopäden sein würde. Vorrausgesetzt er hatte noch einen Kiefer, wovon er im Moment nicht so ganz überzeugt war.



Der Pass lag auf Barlmoros Schreibtisch. Davor saßen Amalia Renard und Hieb. Durch die offene Tür konnte man Ypsilon, Phoenix und Cool Ibo sehen. Sie waren die Söldner, die am morgigen Tag einen Flug der Ibis Air nach Lagos besteigen sollten.

Sie waren sichtlich mehr oder weniger aufgeregt. Wegen des bevorstehenden Einsatzes oder wegen des Models, das im Nebenzimmer saß, konnte man nicht genau feststellen. Amalia Renard dankte den beiden Chefs des B&HMP für die Beschaffung ihres Passes und verabschiedete sich. Auf ihren langen Beinen stakste sie, von Hieb begleitet, zum Ausgang. Vier Augenpaare folgten ihr dorthin.

„Du hättest sie uns wenigstens vorstellen können.“ beschwerte sich Ibo als die Tür sich schloss.

„Wenn ihr erst mal in Nigeria seid, werdet ihr sie wieder treffen. Obwohl ich Angst habe, dass euch ihre Anwesendheit vielleicht ein bisschen zu sehr von der Arbeit ablenken wird.“ grinste Barlmoro, der in der Tür zu seinem Büro stand. „Aber jetzt mal zum Thema. Eure Flugtickets habt ihr ja, der übliche Vorschuss wurde auch schon gezahlt. Eure Aufgabe in Lagos lautet, Nachforschungen über den Verbleib von Maurice Renard anzustellen. Wenn er entführt wurde, müssen wir Schritte zu seiner Befreiung einleiten. Wenn er tot ist, na ja, vielleicht will die Familie seine Leiche haben.

Bisher gibt es keinen so rechten Hinweis, was mit dem Reporter passiert ist. Im Moment arbeitete er an einer Reportage über den illegalen Diamantenabbau in Sierra Leone. Er hatte ein paar sehr mächtige Feinde. Von den Diamantenförderern, über den liberianischen Regierungschef Charles Taylor, bis hin zu den großen Bergbaukonsortien in Europa, Israel, Südafrika und den Vereinigten Staaten von Amerika. Außerdem hatte er Probleme mit den örtlichen Diamantenschmugglern in Ostafrika. Neben diesen ganzen Feinden, die speziell etwas mit Renards Arbeit zu tun haben, darf man aber nicht vergessen, dass in Nigeria das Verschwinden eines Journalisten auch einen ganz einfachen Grund haben kann. Nämlich, dass er von der Regierung einkassiert wurde. Nigeria ist eines der instabilsten Länder der Welt. Die Regierung wechselt beinahe jährlich, und selten auf friedliche Weise. Das einzige, was Konstanz hat, ist die Brutalität und Willkür mit der sie gegen ihre Bürger vorgeht. Und Journalisten sind bekanntlich das ungeliebte Stiefkind eines autoritären Regimes. Auch diesen Punkt dürft ihr bei euren Nachforschungen nicht außer Acht lassen.“

Passend zur Pause in Barls Vortrag kam Hieb wieder in das Büro. Er hatte Amalia Renard in ein Taxi gesetzt, dass sie zum Flughafen Frankfurt a. M. bringen würde.

„Viel mehr gibt es eigentlich nicht mehr zu sagen. Nur noch eins. Passt auf euch auf. Lagos ist ein ziemlich heißes Pflaster. Wer von euch war schon mal in einer afrikanischen Metropole?“

Ypsilon und Ibo hoben die Hand. „Abidjan, Elfenbeinküste. War ganz nett damals.“ sagte Ibo.

„Wenn du Abidjan nett fandest, wirst du Lagos lieben. Ich war mal da, schon ne Weile her. Inzwischen dürfte es eher schlimmer geworden sein.“ antwortete Barlmoro. „Das was man als ‚die Stadt’ bezeichnet, hat etwa 1,8 Millionen Einwohner. Mit allen Slums die außen herum gewachsen sind, dürften es aber fast sechs Millionen sein. Vielleicht auch zehn Millionen, oder zwölf Millionen, was weiß ich wie viel. Bildet euch bloß nicht ein, ihr müsstet euch nachts in den Vororten blicken lassen, ihr würdet, nach allem was ich gelesen habe, spätestens nach einer halben Stunde tot sein. Deshalb solltet ihr auch Waffen tragen. Wir wissen, was eure favorisierten Modelle sind. Wenn ihr eure eigenen Waffen mitnehmen wollt, gebt ihr sie Hieb.“

Der nahm das Stichwort auf und fuhr fort: „Wir werden alle Waffen per Luftfracht nach Lagos schicken. Ihr könnt sie vielleicht noch am Tag eurer Ankunft, aber spätestens am nächsten Morgen, auf einem Flugfeld im Norden der Stadt abholen. Rausholen werden wir sie auf demselben Weg. Ihr werdet legal mit einem Touristenvisum einreisen, das für 4 Wochen gilt. Bis dann sollte die Sache beendet sein. Ich persönlich habe sowieso nicht sehr große Hoffnung, dass Renard noch lebt. Gäbe es eine Lösegeldforderung, wäre ich wesentlich optimistischer, aber man hat eine Woche nichts von ihm gehört. Ich würde wetten, dass er tot ist.“



Nigeria, 13 Mai 2002

Trotz der negativen Prognosen die im fernen Deutschland über seine körperliche Verfassung angestellt wurden, lebte Maurice Renard noch. Doch hing sein Leben am seidenen Faden. Seit sechs Tagen wurde er in einem Kellerloch westlich von Oyo festgehalten. Hier wurde Gold und Zinn abgebaut, was auch der Grund war, warum die Sierra Mining Cooperation, hier in Form ihrer Tochterfirma Millers Mineral Exploring Association, kurz MMEA, eine kleine Anlage zur Ausbeutung der Rohstoffe unterhielt. Nach seiner Entführung aus Lagos war Renard im Laderaum eines Trucks hierher gebracht worden. Hier sollte er auch sterben.

Lawrence Courtland, der die Entführung geleitet hatte, ließ ihn rund um die Uhr von zwei nigerianischen Männern des Firmen Wachschutzes bewachen. Diese Bewachung beschränkte sich jedoch hauptsächlich darauf, dass die beiden Männer ihm zweimal am Tag Wasser und Essen brachten und ihn dabei jedes Mal ein paar Fußtritte verpassten. Renard verbrachte fast den ganzen Tag in völliger Dunkelheit. Er konnte in dem Keller herum gehen, jedoch nur ein paar Meter, da er eiserne Fußfesseln trug, die mit einer Kette an einem in der Wand eingelassenen Ring verbunden waren. Etwa drei Meter konnte er in seinem Verließ herum humpeln. Er war resigniert und verzweifelt. Er wusste nicht wer ihn entführt hatte und was sie mit ihm vorhatten. Nur dass es nichts Gutes war, wusste er. Aus den beiden Kerlen die ihm Essen brachten und ihn schlugen, hatte er nichts herausgebracht. Inzwischen sprach er sie nicht mehr an, weil das nur weiter Schläge und Tritte provozierte. Er war dem Wahnsinn nahe, und hätte er die Möglichkeit dazu gehabt, hätte er Selbstmord begangen.

Courtland saß keine 200 Meter von seinem Gefangenen entfernt in einem Bungalow der Minengesellschaft und brütete über der drei Tage alten Zeitung. Es wurde Zeit, dass etwas geschah. Er wartete jeden Tag darauf, dass er von Barringer die Order bekam seinen Gefangenen zu töten. Er hatte sich schon einen schönen alten Stollen ausgesucht, in dem er die Leiche verschwinden lassen würde. Aber es kam nichts. Ein enger Mitarbeiter des Bosses war auch im Lager. Alexander Smith. Er hielt mit Freetown über ein Satellitentelefon Kontakt. Aber es war noch keine Meldung gekommen.

Weitere hundert Meter entfernt saß Alexander Smith in dem ihm zugeteilten Bungalow und grübelte ebenfalls. Jedoch zielten seine Gedanken in die genau entgegengesetzte Richtung von denen Courtlands. Smith versuchte verzweifelt einen Weg zu finden, wie er diese Sache beenden konnte ohne sich des Mordes schuldig zu machen. Obwohl Smith in einem brutalen Gewerbe arbeitete und sich nicht scheute die Ellenbogen einzusetzen um vorwärts zu kommen, war er nun mit seinem Gewissen in Konflikt geraten.

Natürlich wollte er in der Hierarchie der Sierra Mining Cooperation aufsteigen. Aber er wollte auch kein Mörder sein. Nein, ein Verbrechen, dass über Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung hinaus lief, wollte er nicht begehen. Aber hier wurde von ihm gefordert einen unschuldigen Mann hinrichten zu lassen. Vor vier Tagen hatte Barringer am Telefon mitgeteilt, er solle den Journalisten nach Sierra Leone bringen, wo es Courtland dann frei stünde, auf welche Weise Renard aus dem Leben scheiden würde.

Smith hatte die Anweisung nicht an Courtland weitergegeben. Er mochte den hageren Mann aus der Savanne nicht, der Augen hatte, wie ein Leopard, den Smith einmal im New Yorker Zoo gesehen hatte.

In New York warteten auch seine Frau Susan und sein Sohn Alex darauf, dass ihr Gatte und Vater wieder von dem einjährigen Afrikaaufenthalt zurück kam und einen hochbezahlten Job in der New Yorker Filiale des Transmining Netzwerkes übernahm, hinter dessen guten Namen sich nichts anders verbarg, als die in Kritik geratene Sierra Mining Cooperation. In der Abendschwüle des Tropendschungels, beim Surren des Ventilators wurde Smith klar, dass er seiner Frau und seinem Sohn nicht mehr gegenüber treten könnte, wenn er sich erst mal des Mordes schuldig gemacht hatte. Er musste etwas tun. Noch heute Nacht würde er zum ersten Mal in seinem Leben etwas wirklich Gefährliches tun.


Es war zu früh für das Mittagessen oder wie man den wässrigen Brei nannte, den man Renard gab. Deshalb krümmte er sich in seiner Ecke zusammen, als die Falltüre in der Decke sich öffnete und ein viereckiges Lichtfeld auf den Betonboden des Kellers fiel. Jemand kam die wackelige Treppe hinunter gestiegen. Er kam auf den Zehenspitzen zu Renard hinüber gehuscht. Der erkannte, dass es sich nicht um einen seiner Wärter handelte. Es war ein Weißer mit einer beigen Leinenhose und einem durchschwitzten Hemd.

„Mister Renard. Haben Sie keine Angst. Ich hol Sie hier raus. Die Wachen sind nicht da. Aber Sie müssen ganz leise sein. Können Sie laufen.“

Renard nickte und schluckte den Klos in seinem Hals hinunter.

Mit zittrigen Händen schloss der Fremde die Fußfesseln auf und half ihm auf die Beine. Renard ging schwankend und musste sich auf seinen Retter stützen. Sie schafften es irgendwie nach oben und von dort nach Draußen. Ein weißer Toyota parkte vor dem Haus.

„Klettern Sie auf die Ladefläche und decken Sie sich mit der Plane zu.“ flüsterte der Weiße ihm zu.

Renard gehorchte sofort und kroch unter die dreckige Plane, wo er sich mucksmäuschenstill verhielt. Der Motor wurde in Gang gesetzt und der Toyota rollte los.

Smith schaltete das Abblendlicht ein und näherte sich dem Ausgang des Lagers. Es war kurz nach Mitternacht und der Dschungel um das Lager wirkte bedrohlich. Ein bewaffneter Posten ließ Smith anhalten. Dem wurde klar, wie schlecht seine Flucht geplant war. Er hatte keine Ahnung, ob ihn der Posten einfach so durchlassen würde. Eine Taschenlampe wurde kurz auf sein Gesicht gerichtet und dann wieder gesenkt. Der Torwächter war ans Seitenfenster getreten.

„Warum wollen Sie das Camp verlassen?“

„Ich muss morgen in aller Frühe einen Flieger in Lagos erwischen.“

„Warum nehmen Sie nicht den Hubschrauber nach Lagos?“

Der Posten stellte seine Fragen in einem anklagenden Tonfall, der Smith irgendwie an die Ausdrucksweise der Nazis in Hollywoodfilmen erinnerte. Smith machte sich zwar beinahe in die Hose, aber hier musste er Stärke zeigen. Dieser eingeborene Nachtwächter stand in der Hierarchie doch meilenweit unter ihm.

„Hör mal zu, ich bin enger Mitarbeiter von dem Mann, dem das alles hier gehört und der dir deinen Lohn auszahlt. Ein Wort von mir genügt und du kannst dir morgen einen anderen Job suchen. Ich hab gehört, das soll in diesem Land gar nicht so einfach sein. Hast du Familie? Siehst du, es wäre besser, wenn du mich ohne blöd zu fragen, durchlässt. Geht das in deinen Schädel?“

Einen Moment dachte Smith, er wäre zu weit gegangen. Im dichten schwarzen Bart des Afrikaners blitzen weiße Zähne auf. Smith wurde klar, dass der Mann ein belgisches Sturmgewehr trug, während er keine Waffe hatte. Aber die Grimasse des Wachpostens veränderte sich in ein Lächeln.

„Okay Master. Sie können fahren.“

Smith atmete auf und fuhr durch das Tor in die dichte grüne Vegetation hinaus.

Hinter ihm knurrte der Posten etwas von „rassistisches Arschloch“ und „ich hoffe deine Hoden verdorren“ während er in die Wachstube zurückging.


Smith hielt nach fünf Meilen den Toyota an und ließ Renard vorne einsteigen. Sie sagten nichts, sondern fuhren wortlos weiter. Smith wollte nach Oyo, wo es einen kleinen Flugplatz gab. Dort endete jedoch auch schon sein Plan, wenn man das überstürzte Vorhaben überhaupt so nennen konnte. Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.



Lagos; Nigeria 14 Mai 2002

Die ganze Söldner-Aktion drohte zur Farce zu werden. Nicht nur, dass die Erfolgchancen von vornherein sehr gering waren, nein sie verschlechterten sich auch noch dadurch, dass die Einreise der Söldner in Nigeria verzögert wurde. Die Visa-Anträge beim Generalkonsulat Nigerias in Berlin hatten 8 Tage gebraucht, bis sie bewilligt worden waren.

Als die drei Söldner schließlich in Lagos aus der Boeing 747 stiegen, waren seit Renards Verschwinden schon fast 3 Wochen vergangen. Selbst der optimistischste Ermittler musste sich eingestehen, dass nach so einer lagen Zeit kaum mehr eine Chance bestand eine Spur des Verschwundenen zu finden.

Besonders peinlich für die Profis aus Europa wurde die Situation dadurch, dass ihre Auftraggeberin Amalia Renard schon eine Woche vor den Söldnern eingetroffen war. Gott allein wusste, wie sie ihr Visum so schnell bekommen hatte.

Am Flughafen waren sie von einem sehr freundlichen Beamten der ihre Visa durchsah ermahnt worden auf gar keinen Fall große Geldsummen in das Land zu bringen oder sich auf lukrative Geschäfte mit sogenannten Regierungsstellen einzulassen. Egal wie überzeugend die Vertreter aussahen oder wie günstig die Konditionen waren. Das sei alles Betrug und jedes Jahr fielen Hunderte von Touristen darauf herein, die dachten sie könnten in Nigeria das schnelle Geld machen und am Ende nicht einmal mehr genug Kleingeld hatten um ihre Botschaft anzurufen. „In Nigeria gab es nichts umsonst!“ Das waren seine Worte gewesen, als er ihnen ihre Visa zurückgab. Das stimmte auf jeden Fall nicht. Als die Söldner den Flugplatz verließen, drückte ihnen ein Junge umsonst und ganz kostenlos eine Broschüre in die Hand, in der vorgeschwärmt wurde, wie man durch den Kauf von nigerianischen Eisenbahnaktien in wenigen Wochen 800%-Gewinne einfahren konnte.

Abgeholt wurden sie von einer Lexus-Limousine. Der Fahrer lenkte die schwere Karosse sicher durch den dichten Verkehr auf die Brücke nach Victoria Island. Die drei Söldner, die sich im Fond gegenüber saßen, schwiegen und sahen aus den getönten Fenstern. Lagos sah gar nicht so schlimm aus, wie Barl und Hieb gemeint hatten. Die Straßen und Brücken waren neu und die meisten der Wagen sahen auch passabel aus. Entgegen der allgemeinen Vorstellung, die man von Afrika hatte, waren erstaunlich viele Fahrzeuge unterwegs. Ford, Toyota, Mitsubishi, Lada und einige Audi und Mercedes Fahrzeuge schwammen im Verkehr mit.

Das Erste was den positiven Eindruck von Lagos schmälerte, waren die bewaffneten Posten an der Zufahrt zu Victoria Island. Es bildete sich eine Autoschlange und es dauerte eine Weile bis die Lexus Limousine an den Posten vorbeirollte. Die Söldner sahen neugierig aus den Fenstern. Die Wachmänner waren einheitlich und sauber gekleidet. Schwarze Stoffhose, weißes Hemd, ein schwarzes Barett und um die Schultern gehängt oder in den Händen die unvermeidliche Kalaschnikow.

Der Fahrer übertraf die Söldner noch an Schweigsamkeit. Ohne ein Wort gesagt zu haben, lenkte er den Wagen nach 10 Minuten Fahrt in die Auffahrt eines stattlichen Hauses. Ganzila Road 42. Hinter ihnen schloss sich ein automatisches Türgatter.

Die Söldner stiegen aus, streckten ihre Glieder und sahen sich das Gelände an. Der Chauffeur öffnete die Garagentür und parkte die Lexus-Limousine neben einem nagelneuen Range Rover und einem schnittigen BMW Coupe rückwärts ein. Die vier Söldner warteten nicht bis er fertig war, sondern schritten die Stufen zum Haus hinauf. Links und rechts wuchsen zahlreiche Palmen, Kakteen und andere farbenprächtige Pflanzen, deren Namen die Söldner nicht einmal hätten aussprechen können, wenn sie sie gekannt hätten. Ein Gecko flüchtete vor den Schuhen der Männer in eine Felsspalte der Natursteintreppe. Oben angekommen, klingelte Phoenix. Ein breitschultriger, vierschrötiger Schwarzer mit kahlrasiertem Schädel öffnete ihnen und bat sie ohne ein weiteres Wort hinein. Sie durchquerten eine mit weiß schwarzem Marmor geflieste Diele und ein teuer eingerichtetes Wohnzimmer und wurden von dem Türöffner Richtung offene Gartentüre geschoben. Dort stand sie – Amalia Renard, in ein leichtes geblümtes Sommerkleid gehüllt und ein Cocktailglas in der Hand. Sie versuchte ein Lächeln, das nicht ganz gelang, als sie die Söldner erblickte. In Amalias Augen waren sie nicht mehr als professionelle Mörder. Die Leute gegen die ihr Bruder immer geschrieben hatte. Brutale Gunmen, die von Neo-Imperialisten angeheuert wurden um Not und Elend über den schwarzen Kontinent zu bringen. Im sechzehnten Jahrhundert waren es die Sklavenhändler und Fänger gewesen, in den Sechzigern Hoares und Denards weiße Mercenaries und heute waren es die gewissenlosen Büttel der Rohstoffkonzerne und Privaten Militäragenturen. Aber Amalia wusste auch, dass diese drei Männer vielleicht die letzte Hoffnung waren, die ihr noch blieb. Von ihrer Fähigkeit einen kühlen Kopf und einen ruhigen Zeigefinger zu bewahren hing das Leben ihres Bruders ab.

Phoenix übernahm es die drei Söldner vorzustellen. Amalia reichte jedem höflich die Hand und stellte ihnen Francis Le Fallet vor. Eine sehr blonde Person, die ihren herrlichen Körper in einer Hollywoodschaukel räkelte. Was die Sache besonders interessant machte, war die Tatsache, dass sie dabei einen weißen Bikini trug, der in eine Streichholzschachtel passen musste. Ihr strahlend weißes Zahnpastalächeln präsentierend erhob sie sich und reichte Phoenix, der ihr am nächsten stand, ihre zierliche weiße Hand. Am Ringfinger blitzte ein Diamantring.

„Nennt mich einfach Francis. Ich bin wie Amy Model und mir gehört das Haus hier, eigentlich gehört es meinem Verlobten, er ist Geschäftsmann und zurzeit in Japan. Ich komm aus Frankreich. Aus Saint Tropez an der Cote ´d Azur. Meistens wohn ich aber in Beverly Hills. Wo kommt ihr her?“
Sie lächelte Ypsilon an und erwartete wohl eine Antwort. Der fragte sich, ob das eine Befragung sei, und wo dann die Verhörlampe und die beiden KGB-Männer mit den gummiüberzogenen Kabelenden waren. Er hatte mal eine Majorin vom Abschirmdienst gekannt, deren Schnurrbart dieselbe Farbe wie die Locken dieses neugierigen Frauenzimmers gehabt hatte. Die Situation war ähnlich gewesen damals, nur war er mit Handschellen gefesselt gewesen und die nette Majorin Rukova hatte seine Hoden in ihrer Pranke gehalten. Das Dragonerweib hätte ohne mit der Wimper zu zucken zugedrückt. Alles nur ein Test, wie man ihn nachher beschwichtigte. Er hätte ihn mit Bravour bestanden und man hätte sowieso nie an seiner Loyalität gegenüber der Sowjetunion gezweifelt. In Wirklichkeit hatte er nur wahnsinnige Angst um seine Geschlechtsteile gehabt. Wochen später hatte man ihn in die USA geschickt.

Francis zog die Augenbraue hoch und sah den schweigenden Riesen fragend an.

Der öffnete den Mund. „Ich denke nicht, dass so ein reizendes Geschöpf wie Sie schon mal etwas von meiner Heimatstadt gehört hat. Wir sind Fremdenverkehrsmäßig noch nicht richtig erschlossen.“

Das Model lachte als ob Ypsilon einen guten Witz gemacht hätte, sie konnte nicht wissen, dass er das vollkommen ernst gemeint hatte. Er machte sich in Gedanken eine Notiz, dass er sich mal in seiner alten Heimatstadt erkundigen musste, ob das Arbeitslager noch existierte.

Francis führte die Söldner durch das Haus und zeigte ihnen ihre Zimmer. Die Villa war wirklich groß, jeder hatte ein eigenes Zimmer mit Bad und Fernseher. Außerdem gab es eine Klimaanlage, die die Temperatur bei angenehmen 19 Grad Celsius hielt. Den Söldnern begann es zu gefallen. Sie hatten sich eigentlich darauf eingestellt einige Zeit auf die Errungenschaften der westlichen Industrienationen, wie luxuriöse Zimmer, Klimaanlagen und fünflagiges Klopapier verzichten zu müssen. Wenigstens die ersten beiden Befürchtungen hatten sich nicht erfüllt. Das mit dem Klopapier würde sich auch noch herausstellen.


Mine; Oyo

Die beiden Wächter, die Renault hätten bewachen sollen, und der Mann, der letzte Nacht Torwache hatte, waren in einen aufgegebenen Stollen geschafft worden. Man hatte ihre Handgelenke mit Stricken zusammen gebunden und dann eine Eisenkette zwischen den gefesselten Armen durchgeschoben. Zuerst wussten die drei vor Angst betäubten Männer nicht, was das sollte, bis man die beiden Kettenenden über einen alten Stahlträger in der Minendecke geworfen hatte und sie von den Söldnern daran hochgezogen worden waren, bis nur noch ihre Zehenspitzen den Boden berührten. Dem Torwächter, der den flüchtigen Smith und Renard durchgelassen hatte, hatte man dabei die Hände nicht vor dem Körper sondern auf dem Rücken zusammen gebunden. Als der kräftige De Valera an der Kette gezogen hatte, waren ihm beide Schultergelenke ausgekugelt worden. De Valera hatte sich extra sehr viel Zeit gelassen und den Gefesselten nur Zentimeterweise höher gezogen, wodurch dessen Qualen noch erhöht worden waren.

Vier Männer standen in der Mine herum und leuchteten mit starken Taschenlampen auf die drei gefesselten Männer. Der brutale Südafrikaner Roy de Valera, sein Landsmann Hawkins, der Nigerianer Jim Stanton und Jacques Toruffe. Sie und zwei andere Söldner waren die einzigen Männer, die Courtland mitgebracht hatte und die nicht, wie die normalen Leute vom Geländewachschutz, in der Umgebung angeworben worden waren.

Roy de Valera hatte einen Rohrstock in der Hand, den er immer mal wieder auf die Brust oder die Oberschenkel der nackten Gefangenen sausen ließ. Stanton bevorzugte seine Zigaretten, die er am liebsten auf die Genitalien seiner Opfer drückte. Hawkins und Toruffe bastelten an einer Autobatterie herum, die einfach keinen Strom liefern wollte. Bis sie Erfolg hatten, blieb den Gefangenen wenigstens erspart, dass man ihnen Kupferelektronen an Eichel und Brustwarzen befestigte und Strom durch ihren Körper jagte.

Die Tortur der drei armen Seelen dauerte jetzt schon zwei Stunden an. Der Mann mit den ausgekugelten Armen hatte schon mehrfach das Bewusstsein verloren und war mit Ohrfeigen immer wieder zurückgeholt worden.

Die Wächter hatten ihren Peinigern schon alles erzählt was sie wussten. Hatten es ihnen vier, fünf Mal erzählt. Aber die Söldner schienen sich nicht wirklich dafür zu interessieren und machten einfach weiter. Sie schienen auf jemanden zu warten.

Als De Valera und Stanton eine Pause machten und sich ein paar der mitgebrachten Bier gönnten, hörte man Schritte den Stollen hinunter schreiten. Hawkins wandte sich von der Autobatterie ab und leuchtete dem Neuangekommenen ins Gesicht.

„Du Arsch, nimm die Funzel aus meinem Gesicht!“ herrschte ihn Paul Decker an.

„Decker, du altes Aas! Seit wann bist du wieder da?“ De Valera sprang vom Boden auf und breitete die Arme aus um seinen alten Söldnerkumpan in die Arme zu schließen.

„Begrüßen können wir uns später du alter Suffkopf. Ich hab Schnaps mitgebracht.“ Er wandte sich den drei an der Decke Aufgehängten zu.

Obwohl die drei Folteropfer schwarz waren, wurden sie in diesem Moment bleich. Der, mit den ausgekugelten Armen, hob den Kopf zum Himmel (den er natürlich nicht sehen konnte) und schickte ein stummes Stoßgebot zum großen Vater dort oben. Alle drei waren schon lange genug in der Mine beschäftigt um Decker zu kennen. Er war die letzten zwei Jahre jeweils für ein paar Monate dort gewesen. Alle drei wussten, dass sie nun auf jeden Fall sterben würden, hatten sie doch alle noch etwas Hoffnung gehegt, wieder lebend hier rauszukommen.

„Unseren Gästen scheint es ja gut zu gehen.“ Decker trat näher an sie heran. Stumm begutachtete er ihre Wunden und ging zu dem unglücklichen Torwächter, dessen Oberarmknochen sich weit durch die Haut drückten.

„Deine Arme sind ausgekugelt.“ stellte er sachlich fest. Er ging um ihn herum und fragte schließlich: „Tut das weh?“ Er holte aus und trat dem Verletzten mit dem Stiefel ins Kreuz. Die Ketten quietschten und der Geschundene schrie Stimmbänderzerreißend als er hin und her schwang.

„So, und nun erzählt mir, warum ihr den Gefangenen und diesen Smith zur Flucht verholfen habt. Und natürlich wo sie hin sind. Courtland jagt sie schon und wird sie in Kürze finden. Also tut euch keinen Zwang an.“

Die beiden anderen Gefangenen platzten gleichzeitig los. „Wir haben ihnen nicht geholfen! Wirklich nicht… bitte Sie müssen uns glauben. Bitte! Wir haben nur ein paar Drinks beim Fahrzeugdepot getrunken … und als wir zurückkamen, waren sie weg! Bitte tun sie uns nichts mehr …“

„Was ist eigentlich schlimmer? Dass ihr Renard zur Flucht verholfen habt oder dass ihr unerlaubt euren Posten verlassen habt?“

„Es tut uns Leid, wirklich“ kreischte einer der beiden. „Er war doch angekettet und eingesperrt. Wir haben doch nicht daran gedacht, dass ihn jemand mit einem Schlüssel für die Ketten befreien könnte. Bitte, ich habe Familie, drei Kinder, ich muss doch…“

Decker hob die Hand. „Stooopp. Das reicht fürs erste. Hawkins, funktioniert die Batterie?“


Der Jeep raste über die Sandpiste und wirbelte eine Staubwolke hinter sich auf. Der Wagen war eines der unkaputtbaren Modelle, das schon von Montgomery im Wüstenkrieg benützt worden war und hatte keine Windschutzscheibe. Bei 80 Kilometern die Stunde bedeutete das, dass alle Körperöffnungen der Insassen innerhalb kürzester Zeit mit Sand gefüllt waren. Es empfahl sich deshalb eine Brille aufzusetzen und sich ein Tuch vor Mund und Nase zu binden oder wenigsten für die Dauer der Fahrt die Klappe zu halten.

Der nigerianische Fahrer lenkte den Wagen in eine scharfe Kurve ohne abzubremsen und riss dann das Lenkrad herum um einem Bauern samt Handkarren auszuweichen, der urplötzlich vor ihm auftaucht war. Der Wagen schien kurz nur auf zwei Reifen zu fahren und breschte dann mit unvermittelter Geschwindigkeit weiter. Vor ihnen tauchten die Wellblechhütten von Oyo auf. Der Flughafen, oder besser gesagt das Flugfeld und die zwei Hütten, lagen östlich der Stadt. Sie rasten über den Feldweg, der sich Hauptstraße schimpfte, und fuhren mitten über das Flugfeld aus bröckelndem Beton. Der Fahrer hielt vor einem Hangar. Nur zwei Maschinen standen herum. Eine uralte Fokker und eine Dassault Passagiermaschine, der man jedoch erst mal wieder ein Fahrwerk verpassen musste, bevor sie auch nur auf die Startpiste rollen konnte.

Der Fahrer blieb sitzen, während die drei anderen Männer aus dem Jeep sprangen und sich den Staub von den Camouflage-Uniformen schlugen. Courtland schritt forsch aus und die beiden Männer, beide von der Truppe die Courtland aus Sierra Leone mitgebracht hatte, folgten ihm mit ihren FAL-Karabinern.

Courtland steuerte zielsicher auf einen großen Mann mit einer ölverschmierten Latzhose zu, der unter einem Motor hervorgekrochen kam und sich die Hände an seiner Hose abputzte.

„Haben Sie zwei Männer gesehen? Ein Weißer und ein Schwarzer, die in einem weißen Toyota fuhren?“

„Ein Weißer fällt hier auf.“

„Ja, deshalb frag ich ja. Haben Sie so ein Pärchen gesehen?“
“Ich weiß nicht.“ Er hielt Courtland die offene Hand hin und wartete wohl darauf, dass sie mit ein paar Geldscheinen gefüllt wurde. Courtland lächelte weiter, als er die Hand packte und sie um 180 Grad verdrehte. Der Flughafenmechaniker sank in die Knie und unterdrückte einen Schmerzenschrei, stattdessen stieß er einen Fluch in seiner Muttersprache Ludu aus.

Courtland fuhr unbewegt fort. „Wir sind zu viert und bewaffnet und ich sehe hier weit und breit niemanden der dir helfen könnte.“ Dabei schlug er mit der freien linken Hand auf den Pistolenholster an seinem Oberschenkel. „Es wäre für dich besser, wenn du uns sagst, ob du die Personen gesehen hast, die wir suchen.“

„Ok, ok, ich hab sie gesehen. Sie kamen heute in aller Frühe und haben mich gefragt, wann die nächste Maschine von hier wegfliegt. Ich hab ihnen gesagt, dass heute meines Wissens kein Flugzeug von hier startet, aber dass vielleicht ein Flugzeug hier landet und sie auf dem Rückweg wohin immer auch mitnehmen könnte.“

„Und weiter?“

„So ein Flugzeug kam auch. Eine Super Constellation von der MMEA, die hat einen Passagier und zwei Kisten für die Mine abgesetzt. Der Weiße und der Schwarze haben gefragt ob sie mitfliegen könnten, wenn die Maschine zurück nach Lagos fliegt. Hat anscheinend geklappt, denn sie sind eingestiegen und losgeflogen. Mister, könnten Sie jetzt bitte meine Hand loslassen? Mehr weiß ich wirklich nicht.“

Courtland ließ die Hand los und der Mechaniker rieb sich das schmerzende Handgelenk. Die drei Männer kehrten um und stiegen wieder in den Jeep. Der Mechaniker schickte ihnen ein paar geflüsterte Flüche hinterher. Er kannte diese Leute. Bezahlte Killer vom sogenannten „Firmenwachschutz“ der MMEA Mine. Das seltsame Pärchen, das mit der Super Constellation weggeflogen war, war wirklich nicht zu beneiden, wenn diese Burschen hinter ihnen her waren.


Von Job


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